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Wie der 3D-Druck die Welt verändert – Die Kolumne von Petra Fastermann (# 6)

3D-Druck als „Hoffnung für die Dritte Welt“?

Die großen Hersteller von 3D-Druck-Anlagen befinden sich in den Industrieländern. Hier werden die Maschinen produziert, weiterentwickelt und überwiegend auch vertrieben. Einen noch nicht einschätzbaren, sehr großen Nutzen aus der Hochtechnologie 3D-Druck können aber auch die Entwicklungsländer, die so genannte „Dritte Welt“ ziehen. Es fallen mir sofort einige Beispiele ein, die sicher erweiterbar sind.

Im Jahr 2012 gewannen Studenten des Washington Open Object Fabricators (WOOF) für ihre Idee, einen 3D-Drucker statt mit teurem Filament mit aus Milchflaschen geschmolzenem Plastik zu füttern und zu bedienen, den Wettbewerb „3D4D Challenge“. Aus 250 geschredderten und geschmolzenen 1-Gallone-Plastik-Milchflaschen druckten sie ein funktionsfähiges kleines Boot, in welchem ein Mensch sitzen und sich im Wasser fortbewegen kann.

Schon seit Längerem wird von verschiedenen Entwicklern mit Erfolg daran gearbeitet, aus recycelten Plastik-Abfällen 3D-Druck-Material herzustellen. Der Rohstoff – Plastikmüll – ist nahezu überall auf der Welt zu finden. Zum einen würde es der Umwelt nützen, wenn Plastikabfälle gesammelt und recycelt würden. Zum anderen müssten die User in der Dritten Welt nicht das zwar an sich preiswerte, für sie aber immer noch zu teure Filament zum Drucken kaufen. Wenn zum Beispiel der vom US-Amerikaner Tyler McNaney entwickelte Plastik-zu-Baumaterial-Recycler Filabot zu dem günstigen Preis, zu dem er verkauft werden soll, erhältlich ist, könnten Dritte-Welt-Länder davon profitieren: Statt Bau-Materialien einzukaufen, könnten recycelbare Materialien – beispielsweise Plastikmüll – gesammelt und wiederverwertet werden.

Die zuvor genannten Gewinner der 3D4D Challenge arbeiten schon an einem neuen Projekt. Dieses besticht nicht zuletzt durch seinen Open-Source-Gedanken. Insbesondere 3D-Druck im Zusammenhang mit Open Source ist für Projekte in der Dritten Welt von hoher Bedeutung, wenn ernsthaft geholfen werden soll.

Open-Source-Projekte in Entwicklungsländern

Die Entwickler des Milchflaschenboots wollen jetzt zusammen mit einer Wohltätigkeitsorganisation namens „Water for Humans“ mit 3D-Druck kompostierbare Toiletten und Regenwassersammler herstellen. Als Trockentoiletten werden die kompostierbaren Toiletten keine Wasserspülung haben. Für das Projekt sollen in den Entwicklungsländern Unternehmer gesucht werden. Diese sollen das Bauen, Bedienen und die Wartung der 3D-Drucker lernen. Sowohl die Software für den 3D-Drucker als auch viele der druckbaren Entwicklungen sollen Open Source sein.

Zu Open Source fallen mir sofort Prothesen ein, und zwar preisgünstige, individuell anpassbare Prothesen. Der Bedarf an Prothesen ist in der Dritten Welt erheblich höher als in den Industrieländern. Es ist aber viel schwieriger und vor allem auch für viele Bedürftige nahezu unbezahlbar, an eine für sie passende Prothese zu kommen. Wenn nur irgendwo in erreichbarer Nähe ein 3D-Drucker zur Verfügung stünde, wäre es einfacher, die Menschen mit Prothesen zu versorgen.

Im Gespräch als Lösung für das Hungerproblem in den Entwicklungsländern ist es,  Essen aus Proteinpulver zu drucken. Mit Nahrungsmitteln zu drucken wird dauernd experimentiert. Nicht nur mit Pulver oder Schokolade, sondern auch mit künstlichem Fleisch. Gerade wird daran gearbeitet, 3D-gedruckte Astronautennahrung herzustellen.

Viele der 3D-gedruckten Lebensmittel werden sicherlich eine Zeit lang benötigen, um lebensmittelrechtlich zugelassen zu werden – sei dies für Astronauten oder zum Verzehr für die Dritte Welt.

Sollte nach Lesen dieses Artikels bei jemandem der Eindruck entstanden sein, dass ich mit aus Pulver gedrucktem Essen und künstlich erzeugtem Fleisch sowie billigen Prothesen für die Menschen in der Dritten Welt nur Minderwertiges vorschlage, so möchte ich dem jetzt schon widersprechen. Ich sehe darin vielmehr Chancen und Möglichkeiten, die es sonst nicht gäbe. Außerdem: Eine preisgünstige 3D-gedruckte Prothese ist jedem Bedürftigen lieber als gar kein Hilfsmittel. Und wenn Firmen wie zum Beispiel Modern Meadows tatsächlich mit 3D-gedrucktem Fleisch den Hunger in der Welt besiegen helfen könnten, wenn aus Pulver, das alle notwendigen Proteine enthält, eine Art 3D-gedrucktes Funktionsessen entstehen könnte  - wäre das keine Alternative zum Hunger?

Hilfe zur Selbsthilfe: FabLabs

Möchte ich das selbst essen? Meine ehrliche Antwort im Moment: nein. Ich kann es mir nicht gut vorstellen, und ich verbinde mit einem Stück Kuchen immer noch den Geruch von Bäckerei oder Kaffee. Weil ich jederzeit überall den Genuss und den Geruch mit einkaufen kann und auch möchte. Viele im Rest der Welt sind weniger privilegiert – und würden ganz sicher ein nahrhaftes, proteinreiches 3D-gedrucktes Klümpchen dem Hunger vorziehen. Ganz genau so, wie heute schon dankbar auf Milchpulver zugegriffen wird, das leichter erhältlich ist als frische Kuhmilch.

Weder zu vergessen noch zu unterschätzen sind außerdem die FabLabs, die meiner Einschätzung nach gerade in Entwicklungsländern eine Hilfe zur Selbsthilfe sind. In der ganzen Welt sind seit 2002 zahlreiche FabLabs entstanden, ebenfalls in Afrika und Asien. Insbesondere in diesen Kontinenten können die FabLabs dabei helfen, lokale Probleme zu lösen. Den Nutzern wird dort ein Zugang zu sowohl Produktionstechnologien als auch Produktionswissen ermöglicht, den sie in vielen Regionen Afrikas und Asiens wahrscheinlich erheblich schwerer erlangen könnten.


Petra Fastermann gründete 2010 in Düsseldorf die Firma Fasterpoly GmbH, welche 3D-Druck als Dienstleistung anbietet und außerdem selbst entwickelte Produkte unter der Marke Fasterpoly vertreibt. Im November 2011 wurde Petra Fastermann für ihr Start-up-Unternehmen mit dem Unternehmerinnenbrief NRW ausgezeichnet.

Im Juli 2012 veröffentlichte sie im Springer-Verlag ein Fachbuch zu 3D-Druck/Rapid Prototyping. Noch im selben Winter veröffentlichte sie mit “Die Macher der dritten industriellen Revolution: Das Maker Movement” ein weiteres Buch zum Thema. Außerdem gibt es von der Autorin einige Bücher im Bereich Belletristik.

Veröffentlicht am 22.07.2013 um 10:32